Yoga auf speed
Oliver Kentner steht auch mit 28 Jahren noch regelmäßig auf dem Skateboard auch wenn die Sprünge nicht mehr ganz so gewagt sind.

»Ich bin glücklich und würde das noch mal so machen«, sagt Oliver Kentner über seine Entscheidung, vor bald 20 Jahren mit dem Skateboardfahren begonnen zu haben. Heute ist er 28 Jahre alt und steht immer noch auf dem Brett, sooft es geht.
Angefangen hat alles in der Grundschulzeit: „Ich bin nach Hause, habe gegessen und die Hausaufgaben erledigt, dann war ich weg“, erzählt Oliver Kentner. Dabei leuchten seine Augen wie wohl damals als kleiner Junge, als er mit Freunden durch die Stadt gezogen ist. Der Rathausplatz war zentraler Treffpunkt, man traf sich ohne Verabredung: »Es gab ja noch keine Handys, aber du brauchtest niemanden anrufen und wusstest, es ist sowieso jemand da.«
Heute ist es ruhiger geworden rund ums Rathaus und vom Jugendhaus »Villa Taubenschlag«, ebenso Anlaufpunkt der Skater, existieren nur mehr Erinnerungen – das einstige Refugium der Jugend fiel der Abrissbirne zum Opfer. »Wenn ich heute durch Heidenheim laufe, denke ich: Wir hatten damals mehr Spaß als die Kids heute«, resümiert der Brettfahrer. »Wir haben das Beste aus der Stadt rausgeholt.« Kentner kennt Heidenheim, so lange er zurück denken kann. In Berlin Kreuzberg geboren, den Vater nie kennen gelernt, wuchs er bei seinen Großeltern unterm Hellenstein auf. Er habe nur gute Erinnerungen an die Zeit und auch heute kommt Kentner wenn möglich am Wochenende auf die Ostalb – seine Großeltern besuchen. Da verbringe er Sonntagnachmittage mit Gartenarbeit, als Erholung vom Stress der Woche in Stuttgart.
Dort hatte Kentner nach der Schule eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann bei Aveal begonnen. 1999 als Underground-Label gegründet, hat sich das Bekleidungsunternehmen zu einem festen Bestandteil der deutschsprachigen Skateboard-Szene gemausert. Doch während die Firma wuchs, sank die Motivation des Auszubildenden Kentner: »Ich habe gemerkt, dass Skateboardfahren meine Leidenschaft ist, aber ich nicht in diesem Bereich berufstätig sein möchte.« Also Abbruch der Ausbildung und auf zu neuen Ufern an der Hochschule der Medien in Stuttgart-Vaihingen: Nach einem Verpackungstechnik-Studium war der Diplom-Ingenieur nur der erste Schritt. Es folgte der Master in Verpackungsdesign und Marketing und schließlich das eigene Büro »Olika 3D-Visualisierung« in einem Büroverbund mit anderen selbstständigen Gestaltern und einer Fotografin. Den Großteil seiner Arbeitszeit verbringt der Designer, von Freunden liebevoll »Pixelboy« genannt, vor dem Computerbildschirm und entwirft dreidimensionale Ansichten für die zweidimensionale Darstellung im Druck oder Internet – für Marken wie Boss oder Bosch. Nur manchmal bleibt da abends noch Zeit für ein paar Runden auf dem Skateboard, doch die sind Kentner lieb und teuer: »Nach ein paar Tagen im Büro ist das für mich wie für andere Leute Yoga.«
Nach getaner Arbeit freut sich »Oli K.«, daher der Name seines Büros, seit ein paar Wochen auf den nagelneuen Skate-Pool gleich neben dem Stuttgarter Pragfriedhof. Schon vor der offiziellen Eröffnung trifft er sich mit Freunden, der älteste ist Ende dreißig und bringt seine Kinder mit, zum gemütlichen Feierabend- Skaten. »Wir springen keine Treppengeländer und Kanten mehr runter, das macht der Körper mit 30 nicht mehr mit«, erklärt Kentner, »aber hier können wir schön rumdüsen, da wird ein Haufen Adrenalin ausgeschüttet.« Auch ohne gewagte Sprünge (ganz ohne geht es nicht, die Skater wollen auch mit 30 zeigen, was sie können) ist das Treiben faszinierend und verlockt zum stundenlangen Zusehen. Am Rande des Treibens erzählt Oliver Kentner bei einer Zigarette von der Wirkung des Geschwindigkeitsrauschs –erst nüchtern und sachlich knapp: »Wir machen das weniger zum Spaß, sondern mehr als Ausgleich. Für die sportliche Ertüchtigung ist das ja nicht schlecht.« Dann holt er aus, erzählt Sätze lang ohne Pause, fast philosophisch, wie nach einer Stunde Skaten der Kopf frei sei, er danach an nichts anderes mehr denke und entspannt nach Hause komme (»Jeder ist ja irgendwie süchtig nach Entspannung«), sich aber frage: »Haben das Kinder heute auch? Ich denke, denen fällt doch nur Mist ein. Wir sind nicht rumgelungert, sondern haben Sport gemacht. Du bist draußen, hast Spaß und bist abends ausgelastet. Welches Kind hat das heute noch bei seiner Freizeitbeschäftigung?« Während sich solche Fragen bei Menschen in seinem Alter schnell nach pauschalisierendem »Früher war alles besser« anhören, wirken sie bei Oliver Kentner mit Bedacht geäußert. Denn freilich weiß der 28-Jährige, dass es trotz verbreiteter Beschäftigungs- und Bewegungsmüdigkeit Jugendliche gibt, die wie er früher jede freie Minute auf ihrem Skateboard verbringen. Den Eltern rät er: »Lasst eure Kinder ziehen!« Kentner sieht den Unterschied vom Skateboarden zum Sport im Verein lediglich in der Form: »Du gehst nicht einmal in der Woche zur festen Zeit zum Handballtraining, du lebst das Skateboardfahren.« Der Umgang sei ein anderer, lockerer und manchmal unverbindlicher, doch Freundschaften entstehen und vergehen auch auf dem Skateboard – oder sie halten: »Ich kenne in jeder großen deutschen Stadt einen Skater von früher, mit manchen bin ich noch gut befreundet. Und auch, wenn wir einmal ein halbes Jahr keinen Kontakt haben, könnte ich jederzeit anrufen und dort übernachten.« Das Brett mit den vier Rollen schweißt zusammen, das hat Oliver Kentner schon früh gemerkt: »In Heidenheim gab es noch keine große Skate-Anlage. Wir verrückten 16-Jährigen sind jeden Samstag um acht Uhr los und mit dem Wochenendticket, damals noch für 15 Mark und in ganz Deutschland Samstag und Sonntag gültig, nach Ravensburg, Aalen oder Stuttgart gefahren.« Neben dem Einteilen des Taschengelds habe er viele neue Menschen kennen gelernt und ein Phänomen, das er noch heute beobachtet: «Gleiche Jugendliche können sich nicht leiden.« Das liege nicht an Rivalitäten, die gebe es kaum. »Es ist ein skeptisches Beäugen und Beschnuppern, wer hat welche Begriffe und welche Styles, dann wird man miteinander warm.« Warm wurden in Kentners Fall nicht nur andere Skateboarder, sondern nach Wettbewerbs-Erfolgen auch Sponsoren, darunter der Heidenheimer Skateshop »First Try«. Für Kentner hieß das: »Jeden Monat kostenlos eine Kiste mit Klamotten vor der Haustür. « So war das Skateboardfahren um die Jahrtausendwende für ihn nicht nur Sport, sondern fast Beruf – Fotos in und sogar auf Szene-Magazinen inbegriffen.
Davon träumen auch die Jugendlichen im Heidenheimer Skatepark, der im Mai 2006 zur Landesgartenschau eröffnet wurde. Oliver Kentner hat nicht erst den Bau der Anlage verfolgt: »Ich bin noch unter Oberbürgermeister Helmut Himmelsbach als Zuhörer im Gemeinderat gesessen und habe gesagt, ich werde wohl nicht mehr auf dem Skateboard stehen, wenn es mal einen Skatepark in Heidenheim gibt – das Gegenteil hat sich bewahrheitet.«

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