Schelles politische Ecke: Meine Uni ist besetzt?!
Jetzt geht’s wieder rund an Deutschlands Unis. Besetzte Hörsäle, laute Parolen und bunte Banner. Im TV sieht das nach Ausnahmezustand aus.
Mittwochmorgen, noch etwas müde bin ich auf dem Weg zur Uni. Als ich aus der Straßenbahn aussteige, bemerke ich die Banner: “Diese Uni ist besetzt” steht in großen Buchstaben darauf. Sonst ist von Protest aber nicht viel zu bemerken – und ich muss ja auch weiter, das Seminar beginnt gleich.
Erst am Nachmittag platzen zwei junge Damen in unser Seminar, um uns dazu zu bewegen, uns den Protestierenden im Audimax anzuschließen. Selbst der Dozent gibt offen zu, lieber nach Hause gehen zu wollen. Dennoch entscheiden wir uns fast einstimmig, fortzufahren, als wäre nix gewesen.
Tatsächlich ist es nur eine kleine Minderheit, die zu den Protestierenden gehört. An meiner Uni, und in Deutschland sowieso. Vielleicht einer von 20 Studenten beteiligt sich an den Demos und Protestaktionen. Massenbewegung sieht anders aus.
Ist es Faulheit und Desinteresse? Angst vor Konsequenzen? Oder ist das Bildungssystem gar nicht so miserabel, wie oft behauptet? Zugegeben: Wer, wie ich, ohnehin keine Studiengebühren bezahlen muss und an einer Uni studiert, die noch vergleichsweise gut ausgestattet ist, hat es nicht so leicht, sich zu beschweren. Überfüllte Seminare und Plätze auf den Treppenstufen gibt es aber auch hier, zu wenig Professoren sowieso. Und den gigantischen Leistungsdruck des missratenen Bachelors bekommt man überall zu spüren, egal wie gut oder schlecht die Uni insgesamt dasteht.
Wer denkt, die Protestierenden blockierten einfach nur das Audimax, liegt falsch. Im besetzten Saal liefert man sich engagierte Diskussionen – Diskussionen darüber, was man denn konkret von den Politikern fordern könne. Dabei geht es den Besetzern nicht nur um die Verbesserung der Studienbedingungen. Nein, sie wollen gleich für ein besseres, ganzes Bildungssystem kämpfen – Kindergarten und Schule inbegriffen. Einige Professoren leisten den Besetzern Gesellschaft, versuchen, in den Diskussionen zu vermitteln.
Später stellen sich sogar die den Protesten, die mit der Kritik gemeint sind: Überraschend taucht der Kultusminister auf und versucht, die Besetzer zu beruhigen. Seine Versprechungen freilich werden mit Skepsis zur Kenntnis genommen.
Immerhin: Langsam scheinen die Proteste erfolgreich zu sein. Das Bafög soll erhöht werden, über Verbesserungen zumindest geredet werden. Und die Verwaltungsgebühren an meiner Uni abgeschafft werden. Ja, ein erster Schritt ist getan – aber bis zu einem guten Bildungssystem ist es noch ein langer, mit vielen Protesten gepflasterter Weg.

Der Autor stellt sich zunächst gegen die Proteste, findet sie nicht nötig – für Ihn persönlich zumindest – und beteiligt sich auch nicht daran.
Am Ende ist er über die Verbesserungen doch erfreut und ist mit dem Ergebnis der – von ihm boykottierten – Proteste zufrieden.
Tja…
Vielleicht überlegt er es sich ja nochmal und schließt sich den Protesten doch noch an…
Ist schon ein paar Jahre her, dass ich an einer Uni eingeschrieben war (ungefähr 15), anscheinend hat sich aber nicht viel geändert. Wir haben auch protestiert, markantester Spruch: “Von Trotha ist böse.” Der war damals Kultusminister und hat später den Weg für die Studiengebühren bereitet. Es war schon damals ganz schön schwer, die Studenten zu mobiliseren, später wurde alles noch viel schlimmer und heute müssten eigentlich schon die Erstklässler gegen das Schulsystem demonstrieren.
Lieber Moritz (ich duze dich jetzt einfach mal, obwohl dein Kommentar ja eher distanziert rüberkommt),
wo liest du denn raus, dass ich gegen die Proteste sei? Ich finde es wichtig, auch mal auf die Straße zu gehen, wenn einem etwas nicht passt. Ich wäre wohl der Letzte, der dagegen was hätte.
Aber du hast Recht, ich habe den Beitrag bewusst etwas distanziert formuliert, weil ich das Auftreten der Protestierenden durchaus auch kritisch sehe. Die Forderungen der Demonstranten sind ja doch eher diffus formuliert – der eine will die komplette Abschaffung der Regelstudienzeit, der andere mehr Bafög und noch einer einfach mal einem Politiker “A…loch” zurufen. Ich sehe da einfach die Gefahr, dass alle in einen Topf geworfen werden, auch wenn man die Meinung seines Kommilitonen vielleicht gar nicht teilt.
Und ist es nicht auch ein Armutszeugnis, wenn eine Universität mit 5000 Studenten nicht mal 500 Demonstranten mobilisieren kann, sondern stattdessen auf “Demo”-Touristen anderer Unis angewiesen ist?
Im Übrigen: Ich habe mich am Donnerstag an einer Demo beteiligt, also kann von Boykott keine Rede sein. Aber Kritik darf ja trotzdem sein, oder?
Lieber Cristian,
ich verstehe Moritz´ Verwirrung, da das gleiche auch mir passiert ist, als ich deinen Bericht gelesen habe. Im erten Teil schreibst Du, dass ihr euch “fast einstimmig” dafür entschieden habt, fortzufahren “als wäre nix gewesen”.
Und am Ende dann zu sagen, dass Demos nötig sind, passt dann nicht mehr.
Nur ein Missverständnis.
Ja…der revolutionäre Geist von früher scheint ausgestorben.
Da muss man was machen!
ähm.. welcher revolutionäre geist denn? der von 33?